Wenn Stärke zur Falle wird: Was „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ über Führung erzählt
Von Birgit Hass
Was bedeutet es eigentlich, stark zu sein?
Sich durchzusetzen? Immer weiterzumachen? Keine Schwäche zu zeigen? Den nächsten Karriereschritt zu erreichen und möglichst als Erste durchs Ziel zu gehen?
Mit genau diesen Fragen beschäftigt sich „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ von Hans Jörg Schumacher. Ein Buch, das ich zunächst als Urlaubslektüre eingepackt habe und das ziemlich schnell bei einem Thema landet, das weit über eine einzelne Geschichte hinausgeht: Wie verändern Macht, Wettbewerb und die Spielregeln von Organisationen die Menschen, die in ihnen erfolgreich sein wollen?
„Zweiter Platz? Erster Verlierer.“
Schon auf dem Buchrücken stehen Sätze, die viele aus leistungsorientierten Organisationen kennen dürften:
„Nur die Harten kommen in den Garten. Zweiter Platz? Erster Verlierer. Go for gold.“
Henriette hat diese Sätze nicht nur gehört. Sie hat sie verinnerlicht.
Sie ist erfolgreich, hart, ehrgeizig und beherrscht die Regeln ihres Umfelds. Sie ist kein Opfer eines Systems, sondern eine Frau, die gelernt hat, innerhalb dieses Systems erfolgreich zu sein.
Und genau das macht die Geschichte interessant.
Denn irgendwann stellt sich die Frage: Was passiert, wenn die Eigenschaften, die uns nach oben gebracht haben, plötzlich diejenigen sind, die uns im Weg stehen?
Macht verändert nicht nur Organisationen
Hansjörg Schumacher beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Unternehmern, Geschäftsführungen und Führungskräften in Veränderungsprozessen. In „Henriette“ verbindet er diese Erfahrungen mit einer literarischen Geschichte über Führung, Wahrnehmung und die verborgenen Spielregeln von Macht.
Der Ratgeber Reality Roman ist damit auch ein perfekter Verkaufsroman für einen Coach, der mehr sieht, als man denkt. Er erkennt die unsichtbaren Fäden im Unternehmen und sieht in die Coachees hinein und hält ihnen den Spiegel vor.
Das ist gerade deshalb spannend, weil Führung häufig noch immer über Positionen diskutiert wird.
Wer entscheidet?
Wer trägt Verantwortung?
Wer hat Budget?
Wer sitzt am Tisch?
Aber Macht ist subtiler.
Sie zeigt sich in Meetings, in Sprache, in Netzwerken und darin, wessen Meinung gehört wird. Sie zeigt sich auch darin, welche Verhaltensweisen wir belohnen: Härte oder Empathie? Konkurrenz oder Kooperation? Lautstärke oder Kompetenz? Want to be oder to be?
Und manchmal zeigt sie sich in Regeln, die nirgendwo geschrieben stehen.
Müssen Frauen härter sein, um erfolgreich zu sein?
Eine Frage drängt sich bei Henriettes Geschichte besonders auf.
Frauen in Führungspositionen erleben bis heute widersprüchliche Erwartungen. Sie sollen durchsetzungsfähig sein, aber nicht zu dominant. Empathisch, aber nicht „zu emotional“. Selbstbewusst, aber bitte sympathisch. Erfolgreich, ohne dabei zu ehrgeizig zu wirken. Sichtbar, aber bitte nicht zu viel.
Henriette entscheidet sich für Härte.
Doch vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Fragen des Buches: Müssen Frauen bestehende Machtmechanismen besonders gut beherrschen oder sollten wir vielmehr die Mechanismen selbst verändern?
Für mich ist das keine reine Female-Leadership-Frage. Es ist eine Frage an Führung insgesamt.
Netzwerk ist auch Macht
Auch für den The Finfluencer Circle ist dieser Gedanke interessant.
Wir sprechen viel über Netzwerke. Und ja: Network is Net Worth.
Aber ein Netzwerk kann sehr unterschiedliche Formen von Macht erzeugen.
Es kann ein geschlossener Kreis sein, der Zugänge kontrolliert. Oder es kann Türen öffnen.
Es kann Wissen exklusiv halten. Oder Wissen teilen.
Es kann bestehende Hierarchien verstärken. Oder Menschen sichtbar machen, deren Perspektiven bisher zu wenig gehört wurden.
Deshalb gehört für mich zu moderner Führung nicht nur die Frage: Wie viel Einfluss habe ich?
Sondern auch: Was mache ich mit diesem Einfluss?
Wen nehme ich mit? Wen empfehle ich? Wem gebe ich eine Bühne? Und höre ich Menschen zu, die mir widersprechen?
Gerade Communities tragen hier Verantwortung.
Führung im Zeitalter von KI
Und dann bekommt das Thema noch eine weitere Dimension.
KI demokratisiert Wissen. Fachinformationen sind innerhalb von Sekunden verfügbar. Analysen, Texte und Entscheidungsgrundlagen können zunehmend automatisiert erstellt werden. Das ist auch ein Vorteil. Denn die klassisch erstellen Protokolle im Unternehmen können nicht mehr manipuliert werden.
Der klassische Wissens- und auch Beeinflussungsvorsprung einer Führungskraft verliert damit an Bedeutung.
Umso wichtiger werden Eigenschaften, die sich nicht einfach automatisieren lassen: Urteilsvermögen, Verantwortung, Vertrauen, Empathie und die Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden.
Vielleicht besteht die Führungskompetenz der Zukunft deshalb weniger darin, immer die richtige Antwort zu kennen.
Vielleicht besteht sie darin, die richtigen Fragen zu stellen.
Der Blick hinter den Spiegel
Genau deshalb gefällt mir der Ansatz von „Henriette“.
Das Buch liefert nicht einfach die nächste Anleitung für bessere Führung. Es irritiert. Es hält einen Spiegel vor. Und es zwingt dazu, über die eigenen Vorstellungen von Erfolg nachzudenken.
Wie viel Härte braucht Karriere?
Wann wird Ehrgeiz destruktiv?
Welche Spielregeln akzeptieren wir, nur weil sie schon immer existiert haben?
Und vor allem:
Wer werden wir selbst, wenn wir dieses Spiel lange genug spielen?
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Führungsfragen überhaupt.
Denn Erfolg zeigt sich nicht nur darin, wie weit wir kommen.
Sondern auch darin, wer wir auf dem Weg dorthin geworden sind.
Danke Hansjoerg für Henriette. Ich vermute bereits, dass ich weiß, um wen in Reality im Roman geht.
Auch ich bin schon das „Opfer“ politischer Machtstrukturen mit unsichtbaren bzw. eigentlich offensichtlichen Spielen geworden oder aber ich habe meine Konsequenzen gezogen und habe mir eine neue Heimat gesucht. Wir leben nur einmal und manchmal muss man wohl erkennen, dass es Zeit ist, weiter zu ziehen. Jeden Kampf muss man nicht kämpfen. Dafür ist das Leben einfach zu kurz.
Ich danke Dir Hansjoerg für die wunderbaren Momente, die ich beim Lesen deines Buches erleben konnte. Du solltest einen Film draus machen. Der beste Regisseur, den ich dafür aus meinem Netzwerk empfehlen möchte ist Sebastian Goder. Er hat dieses Genre quasi erfunden. Ich vernetze euch und mache dann gerne die Filmpromotion.
Eure Birgit
Buchtipp:
Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht
von Hansjörg Schumacher
Für alle, die sich mit Leadership, Unternehmenskultur, Macht, Female Leadership und den ungeschriebenen Regeln in Organisationen beschäftigen.
Birgit Hass ist Gründerin des The Finfluencer Circle. Die Community verbindet Menschen aus Finance, Wirtschaft, Medien und Technologie und schafft Räume für Austausch, Sichtbarkeit und neue Perspektiven.
Wenn Härte zum Erfolgsrezept wird – und irgendwann nicht mehr funktioniert
Eine Buchbesprechung von Birgit Hass
„Nur die Harten kommen in den Garten.“
„Zweiter Platz? Erster Verlierer.“
„Go for gold.“
Sätze wie diese kennen viele von uns. Vielleicht haben wir sie selbst schon gehört. Vielleicht sogar gesagt. Sie stehen für Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft und den unbedingten Willen, erfolgreich zu sein.
In „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ von Hans Jörg Schumacher sind sie mehr als markige Sprüche. Sie beschreiben eine Haltung.
Und eine Frau, die gelernt hat, nach genau diesen Regeln zu spielen.
Eine Frau, die das Spiel beherrscht
Henriette ist erfolgreich. Durchsetzungsstark. Hart.
Sie hat sich in einer Welt behauptet, in der Schwäche nicht unbedingt als Karrierebeschleuniger gilt. Sie kennt die Mechanismen von Organisationen und weiß, wie Macht funktioniert.
Doch irgendwann funktioniert das, was sie so weit gebracht hat, nicht mehr.
Das finde ich an diesem Buch besonders interessant. Denn Hans Jörg Schumacher erzählt eben nicht die klassische Geschichte einer Frau, die vom System kleingehalten wird.
Henriette hat sich durchgesetzt.
Die viel unbequemere Frage lautet deshalb:
Was, wenn wir irgendwann selbst Teil der Mechanismen werden, gegen die wir einmal angetreten sind?
Was macht Erfolg mit uns?
Diese Frage hat mich beschäftigt.
Gerade Frauen hören noch immer, dass sie sichtbarer, mutiger und durchsetzungsfähiger sein müssen. Wir sollen uns mehr zutrauen, lauter unsere Leistungen kommunizieren und selbstverständlicher nach Führungspositionen greifen.
Vieles davon ist richtig.
Aber bedeutet Gleichberechtigung wirklich, dass Frauen lernen müssen, dieselben Machtspiele genauso gut zu spielen wie Männer?
Oder wäre der größere Fortschritt, die Spielregeln zu verändern?
Female Leadership sollte für mich nicht bedeuten, männlich konnotierte Führungsmuster einfach besser zu kopieren.
Es sollte darum gehen, Führung neu zu denken.
Die unsichtbaren Regeln der Macht
Hans Jörg Schumacher begleitet seit mehr als drei Jahrzehnten Unternehmer, Geschäftsführungen und Führungskräfte in Veränderungsprozessen. Diese Erfahrung merkt man der Geschichte an.
Denn Macht findet selten nur dort statt, wo „Vorstand“ oder „Geschäftsführung“ auf der Visitenkarte steht.
Macht entsteht durch Beziehungen.
Durch Informationen.
Durch Sprache.
Durch Netzwerke.
Durch Zugang.
Und manchmal schlicht dadurch, wer in einem Raum spricht – und wem zugehört wird.
Gerade die unsichtbaren Mechanismen finde ich spannend. Denn Organisationen haben neben ihren offiziellen Organigrammen fast immer ein zweites, unsichtbares Organigramm.
Wer kann wen anrufen?
Wer kennt wen?
Wer wird empfohlen?
Wer bekommt Informationen früher als andere?
Und wer darf Fehler machen, ohne dass seine grundsätzliche Kompetenz infrage gestellt wird?
„Network is Net Worth“ – aber mit Verantwortung
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Netzwerken und Community Building. Einer meiner Lieblingssätze lautet:
Network is Net Worth.
Aber „Henriette“ erinnert auch daran, dass Netzwerke Machtstrukturen sind.
Das muss nichts Negatives sein.
Im Gegenteil: Ein gutes Netzwerk kann Türen öffnen, Menschen sichtbar machen, Wissen teilen und Chancen schaffen.
Entscheidend ist, wie wir unsere Netzwerkmacht einsetzen.
Nutzen wir sie ausschließlich für uns selbst?
Oder nutzen wir unseren Einfluss auch, um andere mitzunehmen?
Empfehlen wir immer dieselben Menschen?
Oder geben wir bewusst neuen Stimmen eine Chance?
Vernetzen wir Menschen nur dann, wenn unmittelbar etwas für uns herausspringt?
Oder verstehen wir Networking als Beziehung und nicht als Transaktion?
Für mich liegt genau dort der Unterschied zwischen einem Adressbuch und einer echten Community.
Vielleicht verändert KI auch unser Verständnis von Führung
Beim Lesen musste ich noch an etwas anderes denken: künstliche Intelligenz.
Denn wir erleben gerade einen fundamentalen Wandel.
Wissen allein wird immer weniger zum Machtfaktor.
KI kann recherchieren, analysieren, strukturieren und innerhalb von Sekunden Informationen bereitstellen, für die wir früher Stunden oder Tage gebraucht hätten.
Wenn aber der Wissensvorsprung schwindet, was bleibt dann von Führung?
Sehr viel.
Vielleicht sogar das Wesentliche.
Urteilsvermögen. Verantwortung. Vertrauen. Empathie. Haltung. Und die Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden.
Führungskräfte der Zukunft müssen vielleicht nicht mehr diejenigen sein, die auf jede Frage sofort eine Antwort haben.
Sie müssen diejenigen sein, die erkennen, welche Fragen überhaupt gestellt werden müssen.
Wer bin ich, wenn der Kampf vorbei ist?
Ein Satz auf dem Buchrücken ist bei mir besonders hängen geblieben.
Henriette kann irgendwann nicht mehr unterscheiden, wo der Kampf endet und ihr Selbst beginnt.
Das ist ein ziemlich starkes Bild.
Denn Karriere verändert uns.
Erfolg verändert uns.
Macht verändert uns.
Manchmal zum Guten. Wir werden selbstbewusster, mutiger und klarer.
Aber manchmal gewöhnen wir uns auch so sehr daran, kämpfen zu müssen, dass wir weiterkämpfen, obwohl längst niemand mehr gegen uns kämpft.
Vielleicht besteht persönliche Entwicklung deshalb nicht nur darin, stärker zu werden.
Vielleicht müssen wir manchmal auch lernen, die Rüstung wieder auszuziehen.
Mein Fazit
„Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ ist für mich weniger ein klassischer Führungsratgeber als eine Einladung zur Selbstreflexion.
Das gefällt mir.
Denn einfache Leadership-Rezepte gibt es inzwischen genug.
Viel interessanter sind Bücher, die Fragen hinterlassen:
Wie viel Härte braucht Erfolg?
Wann wird Durchsetzungsvermögen zur Rücksichtslosigkeit?
Welche ungeschriebenen Regeln akzeptieren wir, obwohl wir sie eigentlich verändern sollten?
Und wer wollen wir sein, wenn wir irgendwann dort angekommen sind, wo wir unbedingt hinwollten?
Vielleicht ist Erfolg am Ende eben nicht nur die Frage, wie hoch wir steigen.
Sondern auch, wer wir auf dem Weg nach oben geworden sind und wie viele Menschen wir dabei mitgenommen haben.
Über das Buch
Hans Jörg Schumacher: „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“
Ein Roman über Führung, Wahrnehmung und die verborgenen Spielregeln von Macht.
