Transformation ist nicht delegierbar: Tobias Keser über Führung, Geschwindigkeit und die Zukunft der Finanzbranche
Was entscheidet darüber, ob Transformation wirklich gelingt? Technologie allein jedenfalls nicht. Im Gespräch mit Tobias Keser, Mitglied des Executive Committee von Sopra Steria und verantwortlich für Financial Services, geht es um Legacy-Systeme, Regulatorik, Geschwindigkeit und am Ende vor allem um Führung.
Ich liebe Gespräche, bei denen am Ende ein Satz hängen bleibt.
Bei meinem Interview mit Tobias Keser für Finfluencer Circle TV war es dieser:
„Transformation ist aus meiner Sicht nicht delegierbar.“
Eigentlich sprechen wir in unserem Gespräch zunächst über ganz andere Dinge: Digitalisierung, Innovation, Regulatorik, Legacy-Systeme und den enormen Veränderungsdruck, unter dem Banken und Finanzdienstleister stehen.
Aber je länger wir sprechen, desto deutlicher wird: Hinter vielen technologischen Herausforderungen steckt letztlich eine Führungsfrage.
Die Finanzbranche steckt in einem gewaltigen Spannungsfeld
Finanzinstitute müssen derzeit vieles gleichzeitig bewältigen.
Sie sollen digitaler und innovativer werden. Sie müssen regulatorische Anforderungen erfüllen. Sie brauchen resiliente Systeme. Gleichzeitig stehen sie unter Kosten- und Margendruck.
Und während all das geschieht, muss natürlich das Tagesgeschäft weiterlaufen.
Tobias beschreibt dieses Spannungsfeld sehr treffend.
Sopra Steria begleitet Unternehmen dabei von Management- und Business-Consulting über Systemintegration bis hin zu Application Management und Business Process Services.
Dadurch entsteht ein Blick auf Transformation, der eben nicht nur die Technologie betrachtet.
Und genau das finde ich spannend.
Die paradoxe Welt der Legacy-Systeme
Ein gutes Beispiel dafür sind Legacy-Systeme.
Viele davon funktionieren hervorragend.
Sie sind stabil, erprobt und teilweise seit Jahrzehnten das technologische Rückgrat von Finanzinstituten.
Das Problem beginnt dort, wo aus Stabilität Unbeweglichkeit wird.
Tobias bringt diesen Widerspruch im Gespräch auf den Punkt: Viele Legacy-Systeme seien auf der einen Seite sehr stabil, auf der anderen Seite aber extrem unflexibel.
Innovation findet deshalb häufig an der Oberfläche statt – und nicht im Kern.
Neue App. Neues Frontend. Neue Customer Journey.
Doch darunter arbeitet teilweise weiterhin eine Architektur, die aus einer völlig anderen technologischen Zeit stammt.
Das kostet Geschwindigkeit.
Geschwindigkeit wird zur neuen Währung
Und genau hier wird unser Gespräch besonders interessant.
Denn während etablierte Finanzinstitute teilweise Monate benötigen, um neue Produkte oder Services an den Markt zu bringen, schaffen FinTechs dies mitunter innerhalb weniger Wochen.
Natürlich ist der Vergleich nicht immer ganz fair.
Eine Bank mit Millionen Kund, komplexer Infrastruktur und hohen regulatorischen Anforderungen trägt eine andere Verantwortung als ein junges FinTech.
Trotzdem bleibt die entscheidende Frage:
Wie können etablierte Finanzinstitute schneller werden, ohne ihre Stabilität zu verlieren?
Denn Time-to-Market wird zunehmend zum Wettbewerbsfaktor.
Oder noch einfacher:
Geschwindigkeit wird zum Erfolgsfaktor.
Auch Regulatorik braucht ein Zielbild
Hinzu kommt die Regulierung.
DORA ist nur eines der jüngsten Beispiele dafür, welche erheblichen Ressourcen regulatorische Anforderungen in Finanzinstituten binden.
Regulierung einfach als unvermeidbaren Kostentreiber zu betrachten, greift für Tobias jedoch zu kurz.
Entscheidend ist vielmehr, regulatorische Anforderungen nicht immer wieder isoliert umzusetzen.
Sie sollten in eine Gesamtzielarchitektur einzahlen.
Das fand ich einen wichtigen Gedanken.
Denn Transformation bedeutet eben nicht, möglichst viele Einzelprojekte gleichzeitig zu starten.
Im Gegenteil.
Manchmal entsteht durch immer neue Projekte sogar zusätzliche Komplexität.
Warum Transformationen wirklich scheitern
Dann sagt Tobias einen Satz, bei dem ich besonders aufmerksam werde:
Die meisten Transformationsvorhaben scheitern nicht an der Technik.
Sondern an mangelndem Fokus, mangelnder Konsequenz und mangelnder Führung.
Das klingt zunächst fast simpel.
Ist es aber nicht.
Denn genau diese drei Punkte gehören vermutlich zu den schwierigsten Aufgaben innerhalb großer Organisationen.
Fokus: Wohin wollen wir eigentlich?
Transformation braucht ein gemeinsames Zielbild.
Wenn zehn Transformationsinitiativen in zehn unterschiedliche Richtungen laufen, hat ein Unternehmen zwar sehr viele Projekte.
Aber noch lange keine Transformation.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Auf welches gemeinsame Ziel zahlen unsere Initiativen ein?
Und vielleicht noch wichtiger:
Auf welche eben nicht?
Fokus bedeutet schließlich auch, Dinge nicht zu tun.
Konsequenz: Irgendwann muss man an den Kern
Der zweite Punkt ist Konsequenz.
Gerade bei Legacy-Systemen lässt sich Veränderung lange verschieben.
Hier etwas ergänzen. Dort eine neue Lösung anbinden. Noch eine Schnittstelle schaffen.
Das kann sinnvoll sein.
Aber irgendwann kommt der Moment, an dem man entscheiden muss, ob man tatsächlich an die Struktur herangeht.
Transformation verlangt deshalb Mut.
Mut zu Entscheidungen, deren Wirkung vielleicht nicht schon im nächsten Quartal sichtbar wird.
Führung: Transformation kann man nicht abgeben
Und damit kommen wir zu meinem wichtigsten Take-away aus dem Gespräch.
Transformation ist nicht delegierbar.
Natürlich braucht es Expert.
Natürlich braucht es Technologiepartner, Projektteams, Entwickler, Transformationsexpert und Menschen, die Veränderungen operativ umsetzen.
Aber die Verantwortung für die Transformation bleibt im Topmanagement.
Führung muss ein Ziel vorgeben.
Führung muss Prioritäten setzen.
Führung muss Entscheidungen treffen.
Und Führung muss auch dann an diesen Entscheidungen festhalten, wenn es schwierig wird.
Vielleicht ist das gerade in unserer aktuellen KI-Euphorie eine wichtige Erinnerung.
Wir reden sehr viel darüber, was Technologie künftig alles für uns übernehmen kann.
Aber Verantwortung gehört nicht dazu.
Und dann braucht es noch etwas: Durchhaltevermögen
Am Ende fasse ich unser Gespräch mit vier Begriffen zusammen:
Fokus. Konsequenz. Führung. Durchhaltevermögen.
Und Tobias stimmt zu.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir diese kleine Transformationsformel.
Denn wir suchen häufig nach komplizierten Antworten auf komplizierte Herausforderungen.
Dabei beginnt erfolgreiche Veränderung manchmal mit ziemlich grundlegenden Fragen:
Wissen wir, wohin wir wollen?
Treffen wir die notwendigen Entscheidungen?
Übernimmt jemand wirklich Verantwortung?
Und halten wir lange genug durch, um das Ziel zu erreichen?
Technologie kann uns dabei unglaublich viel ermöglichen.
KI wird unsere Unternehmen verändern. Prozesse werden automatisiert. Systeme werden intelligenter. Neue Geschäftsmodelle entstehen.
Aber die Entscheidung, wohin wir uns verändern wollen, bleibt eine menschliche.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus meinem Gespräch mit Tobias:
Technologie ermöglicht Transformation. Führung macht sie möglich.
Danke, lieber Tobias, für das offene Gespräch und die klaren Gedanken.
🎥 Das vollständige Gespräch mit Tobias Keser bei Finfluencer Circle TV gibt es im Video.
Eure Birgit
