Wenn KI dem Fondsmanager mehr Zeit für Menschen schenkt
Künstliche Intelligenz wird häufig mit der Frage verbunden, welche Berufe sie künftig ersetzen könnte. Doch vielleicht ist das nicht immer die richtige Frage. Vielleicht sollten wir viel häufiger darüber sprechen, welche Freiräume sie schaffen kann.
Genau darüber habe ich an der Deutschen Börse mit André Chela gesprochen. Er ist Partner und Eigentümer von AMF Capital, Head of Portfolio Management, verantwortet zwei Publikumsfonds und gehört zu den Finanzprofis, die ihr Wissen nicht nur für sich behalten.
André produziert Podcasts, schreibt Newsletter und erklärt Kapitalmärkte öffentlich. Für mich ist genau das wichtig: Menschen aus der Praxis müssen sichtbarer werden und sich an der Finanzbildung beteiligen.
Finanzbildung braucht mehr Praktiker
Es gibt viele Menschen, die in Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensverwaltungen täglich verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Trotzdem bleiben ihre Erfahrungen für eine breitere Öffentlichkeit häufig unsichtbar.
André findet, dass sich mehr Fondsmanager, Portfoliomanager und Berater vor die Kamera oder hinter ein Mikrofon wagen sollten. Denn gerade bei komplexen Finanzthemen brauchen wir Menschen, die nicht nur theoretisches Wissen vermitteln, sondern aus ihrer täglichen Praxis berichten können.
Sichtbarkeit ist dabei kein Selbstzweck. Es geht um Aufklärung und um die Verantwortung gegenüber einer Gesellschaft, in der viele Menschen wichtige finanzielle Entscheidungen treffen müssen, ohne jemals eine fundierte Finanzbildung erhalten zu haben.
Ein lautes Renditeversprechen ist noch keine Finanzbildung
Wir haben auch über die Finfluencer-Welt gesprochen. André schätzt viele ihrer Akteure, sieht aber zugleich kritisch, wenn Aufmerksamkeit fast ausschließlich mit spektakulären Renditeversprechen erzeugt wird.
„Mit dieser Aktie kannst du dein Geld verzehnfachen“ ist schnell gesagt und sorgt vermutlich für Reichweite. Verantwortungsvolle Finanzbildung sieht jedoch anders aus. Sie erklärt nicht nur mögliche Chancen, sondern spricht genauso offen über Risiken, Unsicherheiten und Verluste.
Wir brauchen weniger einfache Versprechen und mehr fundierte Einordnung. Menschen sollen nicht zum schnellen Kauf animiert, sondern dazu befähigt werden, selbstständig gute Entscheidungen zu treffen.
Was bedeutet eigentlich gute Diversifikation?
Auch beim Thema Diversifikation setzt André auf eine differenzierte Betrachtung. Ein Portfolio muss aus seiner Sicht nicht zwangsläufig mehr als 1.000 Unternehmen enthalten, um breit aufgestellt zu sein.
Auch 30 bis 40 sorgfältig ausgewählte Aktien und Anleihen können ein gesundes und diversifiziertes Portfolio ergeben. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl der Positionen, sondern wie sie zusammenspielen, welche Risiken sie enthalten und ob das Portfolio auch in schwierigen Marktphasen liquide bleibt.
Ebenso wichtig ist das Verhältnis von Rendite und Risiko. Eine beeindruckende Rendite sagt wenig aus, wenn dafür ein unverhältnismäßig hohes Risiko eingegangen werden musste.
Ein täglicher Podcast mit der eigenen KI-Stimme
Besonders spannend fand ich, wie konsequent André künstliche Intelligenz in seinen Arbeitsalltag integriert hat. Er beschäftigt sich seit dem Start von ChatGPT im November 2022 intensiv mit den neuen Möglichkeiten und hat inzwischen sogar seine Stimme klonen lassen.
So kann er einen täglichen Podcast mit aktuellen Kapitalmarktthemen veröffentlichen. Vor dem Einsatz von KI wäre das zeitlich kaum möglich gewesen. Heute benötigt er dafür ungefähr eine halbe Stunde am Abend.
Natürlich entsteht auch ein KI-gestützter Podcast nicht von allein. Themen müssen ausgewählt, Inhalte geprüft und Zusammenhänge eingeordnet werden. Aber die Technologie übernimmt Arbeitsschritte, die vorher viel Zeit gekostet haben.
KI ersetzt nicht automatisch den Menschen
André glaubt nicht, dass KI den Fondsmanager ersetzen wird. Aber sie verändert seine Arbeit bereits grundlegend.
Research, für das früher ein großes Analystenteam notwendig war, kann heute mit deutlich weniger personellem Aufwand bewältigt werden. Das bedeutet nicht, dass menschliche Expertise überflüssig wird. Im Gegenteil: Je mehr Informationen automatisiert aufbereitet werden, desto wichtiger werden Erfahrung, kritisches Denken und die Fähigkeit, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Und vielleicht liegt genau darin der schönste Gedanke unseres Gesprächs: Wenn KI Routinearbeit reduziert, bleibt mehr Zeit für das, was Menschen besonders gut können – neue Ideen entwickeln, Verantwortung übernehmen und mit anderen Menschen sprechen.
Und hier seht ihr das gesamte Video: https://youtu.be/8qtJBGCjrjM?si=kiJFx6-ElhxSIhr2
