Eine Buchbesprechung von Birgit Hass
Manchmal liest man ein Buch und entdeckt plötzlich Dinge, die vorher schon da waren.
Man hat sie nur nicht gesehen.
So ging es mir mit „Inklusion am Arbeitsplatz“ von Nadine Schönwald.
Natürlich weiß ich, was Barrierefreiheit bedeutet.
Oder dachte zumindest, ich wüsste es.
Rampe statt Treppe. Aufzug. Behindertengerechte Zugänge.
Aber Barrieren sind viel subtiler.
Sie können in einem Meeting stecken.
In einer Dienstreise.
In einer Stellenanzeige.
In einem Karriereweg.
Oder in einem einzigen Satz:
„Das machen wir hier eben so.“
Unsere Arbeitswelt hat einen heimlichen Standardmenschen
Beim Lesen kam mir ein Gedanke:
Viele Unternehmen sind für einen Menschen konzipiert, den es in dieser Form vielleicht gar nicht gibt.
Immer gesund.
Immer belastbar.
Immer verfügbar.
Flexibel.
Mobil.
Kommunikationsstark.
Und möglichst ohne private oder körperliche Rahmenbedingungen, die bei der Arbeitsorganisation berücksichtigt werden müssen.
Nadine Schönwald zeigt, wie problematisch genau diese Strukturen sein können. Ihr Buch behandelt unter anderem barrierearme Arbeitsbedingungen, Recruiting, Mikroaggressionen, Tokenism, Disability Burn-out und Inclusive Leadership. Haufe Shop
Und dann gibt es natürlich das echte Leben.
Menschen haben Behinderungen.
Chronische Erkrankungen.
Neurodiversität.
Familien.
Unterschiedliche körperliche Voraussetzungen.
Unterschiedliche Arten zu denken, zu kommunizieren und Leistung zu erbringen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:
„Warum funktioniert dieser Mensch nicht in unserem System?“
Und häufiger:
„Warum funktioniert unser System nicht für diesen Menschen?“
Das, was niemand sieht
Besonders nachdenklich gemacht hat mich die unsichtbare Mehrarbeit.
Wer von einer Barriere nicht betroffen ist, bemerkt häufig nicht einmal, dass sie existiert.
Andere müssen planen.
Nachfragen.
Erklären.
Organisieren.
Kompensieren.
Und manchmal entscheiden, ob sie überhaupt offen über eine Einschränkung sprechen möchten.
Das kostet Energie.
Energie, die andere vollständig in ihre eigentliche Arbeit investieren können.
Genau diese alltäglichen, oft unsichtbaren Mechanismen macht Schönwald sichtbar. Haufe Shop
Gute Absichten reichen nicht
Ich glaube, die wenigsten Führungskräfte stehen morgens auf und denken:
Heute möchte ich jemanden ausschließen.
Das Problem ist nicht unbedingt fehlender guter Wille.
Das Problem sind Strukturen.
Gewohnheiten.
Und blinde Flecken.
Genau deshalb gefällt mir der Praxisansatz des Buches.
Es geht nicht darum, Unternehmen moralisch abzuurteilen.
Es geht darum, Dinge besser zu machen.
Manchmal sind es große Veränderungen.
Manchmal kleine.
Aber sie beginnen damit, zuzuhören.
Führung bedeutet, Bedingungen zu schaffen
Das führt für mich zu einer viel größeren Frage:
Was ist eigentlich gute Führung?
Lange galt Führung als Fähigkeit, Menschen zu steuern.
Heute würde ich es anders formulieren.
Gute Führung schafft Bedingungen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können.
Das verändert den Blick.
Dann geht es nicht mehr nur darum, ob ein Mitarbeiter „performt“.
Sondern auch darum, ob wir ein Umfeld geschaffen haben, in dem er überhaupt performen kann.
Und damit wird Inklusion plötzlich nicht mehr zum Diversity-Sonderthema.
Sie wird zu einem Qualitätsmerkmal von Führung.
Von „Culture Fit“ zu „Culture Add“
Ein Gedanke von Nadines Website gefällt mir in diesem Zusammenhang besonders: weg vom „Culture Fit“, hin zum „Culture Add“. Nadine Schönwald
Denn „Passt diese Person zu uns?“ kann schnell bedeuten:
Ist sie uns ähnlich genug?
Viel spannender ist:
Was bringt dieser Mensch mit, was uns bisher fehlt?
Andere Erfahrungen.
Andere Perspektiven.
Andere Denkweisen.
Vielleicht auch andere Bedürfnisse.
Innovation entsteht schließlich selten dadurch, dass zehn Menschen im Raum sitzen, die dieselbe Biografie haben und dasselbe denken.
Sichtbarkeit darf keine Kulisse sein
Das Buch beschäftigt sich auch mit Tokenism – also der Gefahr, einzelne Menschen als sichtbares Zeichen für Vielfalt zu präsentieren, ohne die Strukturen dahinter wirklich zu verändern. Haufe Shop
Das halte ich gerade in Zeiten von Personal Branding und Social Media für enorm relevant.
Ein Diversity-Posting macht noch keine inklusive Unternehmenskultur.
Ein Foto macht noch keine Teilhabe.
Und ein Awareness Day ersetzt keine Veränderung.
Die entscheidende Frage beginnt nach dem Posting:
Was passiert am nächsten Morgen im Unternehmen?
Mein Fazit
Inklusion am Arbeitsplatz hat mir etwas gezeigt, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:
Inklusion ist kein Extra. Sie ist eine Frage guter Arbeit.
Ein gutes Unternehmen versucht nicht, möglichst unterschiedliche Menschen in ein starres System hineinzupressen.
Es baut ein System, in dem unterschiedliche Menschen erfolgreich sein können.
Und gute Führung bedeutet vielleicht manchmal etwas sehr Einfaches:
Nicht für andere zu entscheiden, was sie brauchen – sondern sie zu fragen.
Das Buch von Nadine Schönwald ist dafür kein theoretisches Manifest, sondern ein praxisnaher Wegweiser. Es verbindet persönliche Erfahrung mit konkreten Fragen für Führung, HR und Unternehmenskultur. Haufe Shop
Und vielleicht ist die wichtigste Frage, die ich daraus mitnehme, tatsächlich diese:
Welche Stimme fehlt gerade im Raum?
Buchtipp:
Nadine Schönwald: Inklusion am Arbeitsplatz – HR-Prozesse gestalten und die Unternehmenskultur positiv beeinflussen, Haufe, 2026, 196 Seiten.
