The Finfluencer Circle TV mit Falko Weinert

Falko Weinert an der Deutschen Börse

Warum ein Börsengang lange vor dem IPO beginnt

Was Unternehmen von einem möglichen Börsengang lernen können – selbst wenn sie am Ende gar nicht an die Börse gehen

Ein Börsengang klingt für viele Unternehmen zunächst nach einem sehr konkreten Ziel: IPO vorbereiten, Investoren überzeugen, Aktien platzieren, fertig.

In Wirklichkeit beginnt der Weg an den Kapitalmarkt viel früher. Und genau deshalb lohnt es sich, sich mit dem Thema zu beschäftigen, bevor ein Börsengang überhaupt akut wird.

Darüber habe ich für das Finfluencer Circle TV mit Falko Weinert, Vice President IPO & Growth Financing bei der Deutschen Börse, gesprochen.

Seine zentrale Botschaft: Ein IPO sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn die Entscheidung bereits gefallen ist.

Denn wer sich frühzeitig mit einem möglichen Börsengang beschäftigt, professionalisiert sein Unternehmen automatisch in vielen Bereichen.

IPO Readiness ist mehr als Börsenvorbereitung

Reporting, Governance, Investor Relations, Kommunikation, Finanzierung – all diese Themen spielen bei einem Börsengang eine zentrale Rolle.

Doch genau diese Strukturen helfen Unternehmen auch dann, wenn der IPO später gar nicht stattfindet.

Das macht die Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang so interessant.

Sie zwingt Unternehmen dazu, sich Fragen zu stellen wie:

Wie transparent sind unsere Zahlen?

Wie professionell kommunizieren wir unsere Strategie?

Wie gut sind unsere Prozesse aufgestellt?

Wie attraktiv sind wir für Investoren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder potenzielle Partner?

Das Ergebnis ist im besten Fall ein Unternehmen, das insgesamt professioneller und kapitalmarktfähiger wird.

Der Börsengang kann auch bei der Nachfolge helfen

Besonders spannend ist die Perspektive für familiengeführte Unternehmen.

Denn ein Börsengang bedeutet nicht automatisch, ein Unternehmen komplett aus der Hand zu geben.

Eigentümer können sehr gezielt entscheiden, wie viele Anteile sie abgeben und welche Investoren sie aufnehmen.

Gerade bei der Unternehmensnachfolge kann das interessant werden.

Nicht jede Familie verfügt über eine interne Nachfolgelösung. Gleichzeitig möchten viele Unternehmer ihr Lebenswerk nicht einfach verkaufen.

Der Kapitalmarkt kann hier zusätzliche Optionen schaffen – etwa durch neue Managementstrukturen, externes Kapital oder eine breitere Eigentümerbasis.

Kapital schafft Spielraum

Mit einem Börsengang kommt zusätzliches Eigenkapital ins Unternehmen.

Und Eigenkapital bedeutet häufig mehr strategische Flexibilität.

Unternehmen sind weniger stark von klassischen Fremdkapitalfinanzierungen abhängig und können Wachstum, Übernahmen oder Internationalisierung anders finanzieren.

Gleichzeitig verändert sich mit der Börsennotierung auch die Wahrnehmung des Unternehmens.

Der Kapitalmarkt bewertet das Unternehmen kontinuierlich. Investoren, Banken und andere Stakeholder erhalten damit eine zusätzliche Orientierung.

Transparenz wird zur Pflicht – und zur Chance

Mindestens genauso wichtig wie die Finanzierung ist allerdings die Kommunikation.

Ein börsennotiertes Unternehmen kann nicht mehr nur dann kommunizieren, wenn es etwas Positives zu berichten gibt.

Transparenz gehört zum System.

Zahlen müssen veröffentlicht, Entwicklungen erklärt und auch schwierige Nachrichten offen adressiert werden.

Für mich ist genau das einer der spannendsten Punkte.

Denn gute Finanzkommunikation bedeutet heute nicht nur, Informationen zu veröffentlichen.

Sie bedeutet, Vertrauen aufzubauen.

Und Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Hochglanzbotschaften, sondern durch konsistente und glaubwürdige Kommunikation.

Von der Analystenkonferenz bis LinkedIn

Gleichzeitig wird die Kommunikationslandschaft immer vielfältiger.

Auf der einen Seite stehen institutionelle Investoren, Analysten und klassische Investor Relations.

Auf der anderen Seite Social Media, Finanzcommunities und Finfluencer.

Die Sprache kann sich unterscheiden.

Die Botschaft darf es nicht.

Ein Unternehmen kann komplexe Finanzinformationen auf LinkedIn anders erklären als in einer Analystenkonferenz. Aber die Inhalte müssen zusammenpassen.

Gerade deshalb wird konsistente Kommunikation immer wichtiger.

Finfluencer werden Teil der Kapitalmarktkommunikation

Auch Finfluencer und Finanzcommunities spielen dabei eine zunehmend interessante Rolle.

Sie erreichen Zielgruppen, die klassische Finanzkommunikation häufig nicht erreicht.

Sie übersetzen komplexe Themen, schaffen Nähe und machen Kapitalmarkt verständlicher.

Damit wächst aber auch die Verantwortung.

Reichweite allein reicht nicht.

Entscheidend sind Glaubwürdigkeit, Fachlichkeit und Transparenz.

Genau deshalb finde ich den Austausch zwischen klassischen Kapitalmarktakteuren und neuen Finanzcommunities so wichtig.

Mein Fazit

Ein Börsengang beginnt nicht mit dem Läuten der Börsenglocke.

Er beginnt viel früher.

Mit professionellen Strukturen. Mit klaren Zahlen. Mit einer nachvollziehbaren Strategie. Und vor allem mit guter Kommunikation.

Vielleicht führt dieser Weg am Ende tatsächlich an die Börse.

Vielleicht aber auch nicht.

Doch wer ihn konsequent vorbereitet, hat in jedem Fall etwas gewonnen: ein besser aufgestelltes Unternehmen.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus dem Gespräch mit Falko Weinert:

Kapitalmarktfähigkeit ist kein Zustand kurz vor dem IPO. Sie ist eine Frage der Unternehmensqualität.