Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Prozesse und Geschäftsmodelle. Sie verändert auch
die Bedingungen, unter denen Führung wirksam wird. Wenn Informationen jederzeit
verfügbar sind, verliert der Wissensvorsprung als klassische Machtquelle an Bedeutung.
Sichtbarer werden stattdessen Haltung, Selbststeuerung und gelebte Kultur. Zu diesem
Befund kommen drei Autorinnen des neuen Bandes „Leadership – Frauen schaffen Zukunft“
aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.
Angelika Schindler-Obenhaus, ehemalige CEO von Gerry Weber, Daniela Grumbach, Gründerin der Diagnostikplattform BEYOS, und Birgit Hass, Strategin für Employer Branding, gehören zu den 50 Co-Autorinnen des Bandes, der am 19. September 2026 im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch erscheint. Ihre Beiträge kreisen um dieselbe Frage: Was macht Führung wirksam, wenn Wissen, Position und formale Autorität nicht mehr ausreichen?
Unternehmen investieren seit Jahrzehnten in Leadership-Programme. Dass diese grundsätzlich
wirken können, zeigt eine Metaanalyse von 335 Studien mit mehr als 26.000 Teilnehmenden. Ihr
Erfolg hängt jedoch stark davon ab, wie die Programme gestaltet, umgesetzt und in den
Arbeitsalltag übertragen werden.
Daniela Grumbach erlebt in ihrer Beratungspraxis immer wieder, wo diese Übertragung an
Grenzen stößt. Führungskräfte sprechen nach dem Seminar über Empathie, Kommunikation und
moderne Führung und greifen unter Druck kurze Zeit später auf alte Verhaltensmuster zurück.
Für sie liegt die entscheidende Frage daher tiefer: „Nicht, welches Training verändert mich,
sondern welche inneren Antriebe leiten mich und welche bremsen mich?“.
Diese Motive seien vergleichsweise stabil und ließen sich nicht allein durch äußere Impulse
verändern.
Künstliche Intelligenz verschärft diese Herausforderung. Sie beschleunigt Prozesse, erhöht die
Verfügbarkeit von Informationen und macht zugleich sichtbar, wo Zielklarheit, Selbststeuerung
oder Vertrauen fehlen. In einer Befragung der Liz Mohn Stiftung unter 1.000 Führungskräften
befürchten rund 60 Prozent, dass KI eine Kultur von Kontrolle und Überwachung fördern könnte.
Grumbach sieht darin nicht allein eine technologische Frage. Wie Führungskräfte KI einsetzen
und bewerten, hängt aus ihrer Sicht auch davon ab, wie sie selbst mit Kontrolle, Unsicherheit
und Verantwortung umgehen.
Wie wenig formale Macht über Wirksamkeit aussagt, beschreibt Angelika Schindler-Obenhaus
aus ihrer langjährigen Vorstandserfahrung. Mehr als 42 Jahre in Handel und Führung, davon 13
als Vorständin und zuletzt als CEO von Gerry Weber, haben ihren Blick auf Entscheidungen
geprägt. Diese entstehen nach ihrer Erfahrung selten allein entlang von Hierarchien. Sie sind
eingebettet in Interessen, Beziehungen und Dynamiken.
In ihrem Beitrag schildert sie unter anderem eine Situation, in der Investoren personelle
Konsequenzen erwarteten, noch bevor die Ursachen eines Problems ausreichend verstanden
waren. Sie entschied sich bewusst dagegen. Für Schindler-Obenhaus zeigt sich Führung deshalb
nicht nur darin, welche Entscheidungen jemand treffen kann, sondern auch darin, worauf er
oder sie bewusst verzichtet. Gleichzeitig warnt sie vor dem gegenteiligen Fehler:
Entscheidungen aus Unsicherheit immer weiter hinauszuschieben. Zögern wirke oft harmlos,
könne in der Praxis aber die teuerste Form der Entscheidung sein.
Birgit Hass beschreibt eine weitere Verschiebung: Führung findet längst nicht mehr nur
innerhalb des Unternehmens statt. Sie wird zunehmend öffentlich wahrgenommen, bewertet
und durch digitale Systeme eingeordnet. Sie formuliert die neue Logik so: „Die Frage ist nicht
mehr, ob ich sichtbar bin. Die Frage ist, ob ich erwähnenswert bin.“, fasst Hass diese
Entwicklung zusammen.
Was Mitarbeitende im Arbeitsalltag erleben, bleibt heute immer seltener intern. Erfahrungen
werden geteilt, Unternehmenskultur wird öffentlich sichtbar und fließt in digitale und
zunehmend auch KI-basierte Informationssysteme ein. Damit bekommt Kultur für Hass eine
unmittelbare und ökonomische Bedeutung. Produkte, Prozesse und Technologien lassen sich
kopieren, eine glaubwürdig gelebte Kultur deutlich schwerer.
Bei der Frage nach Sichtbarkeit setzen die drei Autorinnen unterschiedliche Akzente. Hass
versteht Sichtbarkeit als Voraussetzung von Wirksamkeit, nicht als Inszenierung. Schindler-
Obenhaus stellt die Frage grundsätzlicher: Will jemand führen, um sichtbar zu sein, oder um
wirksam zu sein? Grumbach sieht den entscheidenden Prüfstein dort, wo Inszenierung nicht
mehr trägt: Im Verhalten unter Druck und in Situationen, in denen niemand zuschaut.
Für Unternehmen hat diese Verschiebung Konsequenzen: Wenn Führungswirkung immer
weniger aus Informationsvorsprung entsteht, müssen auch Auswahl und Entwicklung von
Führungskräften neu gedacht werden. Fachwissen und technologische Kompetenz bleiben
wichtig. Gleichzeitig rücken persönliche Motive, Entscheidungsfähigkeit, Selbststeuerung,
Kommunikation und die Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen, stärker in den Mittelpunkt.
Der EU AI Act verpflichtet Unternehmen bereits dazu, Maßnahmen zur Förderung von KI-
Kompetenz zu ergreifen. Doch technisches Wissen allein beantwortet nicht die Frage, wie
Führung im KI-Zeitalter gelingt. Grumbachs These geht deshalb weiter: Von den Anforderungen,
die KI an Führung stellt, lässt sich die technische Kompetenz gezielt trainieren. Ob
Führungskräfte Verantwortung übernehmen, Orientierung geben und auch unter Druck wirksam
handeln, entscheidet sich auf einer anderen Ebene.
Zum Buchprojekt
„Leadership“ ist der sechste Band der Reihe „Frauen schaffen Zukunft“, herausgegeben von
Claudia Rankers und Kerstin Rücker. Jeder Band versammelt die Perspektive von 50 Co-
Autorinnen. Die bisherigen Veröffentlichungen beschäftigen sich unter anderem mit Innovation,
Werten, Unternehmensnachfolge, Gründung und Nachhaltigkeit. Die Reihe verbindet dabei vier
Leitgedanken: Pionierarbeit, Sichtbarkeit, Inspiration, Vernetzung.
Transparenzhinweis
Die drei Co-Autorinnen arbeiten auch außerhalb des Buchprojekts zusammen. Daniela
Grumbach ist Gründerin und Geschäftsführerin der BEYOS GmbH, Angelika Schindler-Obenhaus
ist Beirätin des Unternehmens, Birgit Hass begleitet BEYOS als Advisorin und Beirätin.
Kurzporträts
Angelika Schindler-Obenhaus arbeitete mehr als 42 Jahre in Handel und Führung, davon 13
Jahre als Vorständin und zuletzt als CEO von Gerry Weber. Heute ist sie Executive
Sparringspartnerin, Senior Advisor und Beirätin, u.a. der BEYOS GmbH. Ihr Buchbeitrag trägt den
Titel „Führung entsteht vor dem Titel“.
Daniela Grumbach ist Gründerin der BEYOS GmbH, der Human Intelligence Plattform und
begleitet seit mehr als 33 Jahren Veränderungsprozesse in Unternehmen, mit
Managementerfahrung in Marketing, Vertrieb und Digitalisierung. Ihre Plattform verbindet
motivationsbasierte Persönlichkeitsdiagnostik mit Künstlicher Intelligenz. Ihr Buchbeitrag trägt
den Titel „Die Illusion trainierbarer Führung“.
Birgit Hass arbeitet seit über 20 Jahren an der Schnittstelle von Marke, Kultur und
Kommunikation, unter anderem als CMO. Aktuell ist sie Senior Relationship & Engagement Lead
bei Sopra Steria. Darüber hinaus ist sie Gründerin der Community The Finfluencer Circle. Ihr
Buchbeitrag trägt den Titel „Wie sieht Führung und Zusammenarbeit im Kontext künstlicher
Intelligenz aus?“.
Buchinformationen
Titel: Leadership
Reihe: Frauen schaffen Zukunft, Band 6
Herausgeberinnen: Claudia Rankers, Kerstin Rücker
Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch
Erscheinungstermin: 19. September 2026
ISBN: 978-3-96251-264-4
Preis: 26,00€
Foto Credits: Philipp Schäfer – capture 21
All the authors:
Alexandra Beran, Ute Boehringer-Mai, Diana Bolle-Radszuhn, Marion Borgs, Anke Brinkmann, Claudia Burger, Monika Burkard, Barbara Buth, Simona Deckers, Nadja Gäms, Alexa Gorman, Bärbel Grade, Birgit Hass, Maike Hora, Maike July, Nadine Kammerlander, Tanja Kopietz-Heberle, Jutta Krienke, Natalie Kurz, Claudia Lässig, Heike Leise, Judith Mandel, Daniela Mehner, Sabine Mesletzky, Marion Neises, Franziska Niemann, Pia Pracht, Melanie Preßler, Nina Pütz, Claudia Rankers, Katrin Richter, Aida Rizvo, Kerstin Rücker, Carolin Sauer-Sidor, Sandra Schäck, Angelika Schindler-Obenhaus, Katharina Schleeberger, Marianne Schmolke, Nalan Sipar, Mirjam Staub-Bisang, Mona Steinhäußer, Sandra Stibale, Ulrike Strasser, Ramona Swhajor, Diana Taubert, Meriem Tazir, Katrin Turvey, Kathrin Weber, Alexandra Weiler, Katrin Wellmann, Julia Zobler
