Von Birgit Hass im Gespräch mit Dr. Veronika von Heise-Rotenburg, CFO und Co-Geschäftsführerin von Everphone
INTERVIEW
Birgit Hass: Veronika, wir starten direkt mit der Gretchenfrage unserer Community: Bezeichnest du dich selbst als Finfluencer — und warum?
Jein. Und das Jein ist mir wichtig. Wenn Finfluencer heißt: Ich mache Corporate-Finance-Themen sichtbar, erkläre CFO-Arbeit verständlich und baue eine Community um diese Themen auf, dann ja, klar. Wenn Finfluencer heißt: Ich gebe Anlagetipps oder verkaufe Finanzprodukte, dann nein, das war nie mein Feld.
Ich bin Corporate Influencerin mit Unternehmens-Finance-Schwerpunkt. Meine Themen sind Unternehmensfinanzierung, Controlling, die CFO-Rolle selbst. Das ist eine andere Zielgruppe als klassische Finfluencer: Ich schreibe für Menschen, die Finance-Verantwortung tragen oder tragen wollen. Und: Diese Nische ist erstaunlich groß. Übrigens nicht nur auf LinkedIn: grade mache ich auch die ersten Schritte auf Instagram.
Was hat dir die Sichtbarkeit als Corporate Influencerin konkret gebracht — für dich und für Everphone?
Messbar einiges. Für Everphone: Kunden, Investorenkontakte, Vertrauensaufbau vor allem mit unseren Fremdkapitalgebern, direkte Einstellungen und Dienstleister-Kennenlernen über LinkedIn. Auch manche CFOs schauen kurz vor Vertragsunterschrift auf meinem Profil vorbei: dann helfe ich gern beim Überzeugen und Konvertieren. Für mich persönlich: Speaker-Slots und Medienpräsenz, vom Handelsblatt bis zu internationalen Bühnen. Und der Female Finance Circle, mein Netzwerk für Frauen in Finance-Führungsrollen, ist inzwischen auf über 350 Mitglieder gewachsen, ganz ohne Werbung. Immer noch kommen rund 70% unserer Bewerbungen über LinkedIn.
Du bist LinkedIn Top Voice, deine Posts funktionieren. Warum jetzt der Schritt zu Long-form-Content — ein Fachbuch mit 13 Kapiteln?
Aus meinem Netzwerk kam irgendwann die Frage »Wie werde ich eigentlich CFO, und wo eigne ich mir dieses Wissen an?« Ich hatte darauf keine gute Buchempfehlung. Das war der Anstoß für das Buch, und auch für das Seminar zum Buch, das im Oktober an der HDBW München startet.
Für ein so großes Thema, das die ganze CFO-Agenda abdecken soll, ist LinkedIn aus meiner Sicht nicht geeignet, weil snackable Content Grenzen hat. Ein LinkedIn-Post kann eine These setzen, ein Aha-Moment sein, eine Diskussion starten. Aber er kann kein System vermitteln. CFO-Wissen ist genau das: ein System. Accounting hängt an Tax, Tax an Legal, Fundraising an Treasury. Wer nur Häppchen konsumiert, versteht die Zusammenhänge nicht.
Buch und Artikel sind bei mir ein komplett anderes Register: wissenschaftlich belegt, mit Quellen. LinkedIn ist das Schaufenster, das Buch ist das Lager. Beides braucht sich gegenseitig. Denn: Ohne die Reichweite von LinkedIn hätte dieses Buch weder seine Autor:innen noch seine Leser:innen so schnell gefunden.
Welche Fragen willst du mit dem Buch klären?
Die Kernfrage: Wie wird man CFO, und was muss man dafür eigentlich alles können? Als ich angefangen habe, gab es kein Buch, das die ganze Breite abdeckt. Es gab Controlling-Lehrbücher, Fundraising-Ratgeber, Tax-Kommentare. Aber nichts, das zeigt, wie diese Disziplinen im Start-up-Alltag zusammenspielen.
Konkret klären wir zum Beispiel: Wann brauche ich welche Accounting-Struktur? Wie baue ich Controlling auf, das mitwächst? Warum ist Fremdkapital für Asset-heavy Geschäftsmodelle genauso wichtig wie die gefeierte VC-Runde? Und wann gehört People & Culture zur CFO-Rolle? Das Buch ist modular aufgebaut: Leser*innen können gezielt das Kapitel greifen, das gerade unter den Nägeln brennt.
Du hast das Buch nicht allein geschrieben, sondern als Herausgeberin über 20 Autor:innen an Bord geholt. Warum?
Weil diese Breite keine Einzelperson glaubwürdig abdecken kann. Ich verantworte bei Everphone Finance, Data und People & Culture, ich habe Refinanzierungen und eine Series D begleitet. Aber für Tax, Legal oder Datenschutz gibt es Menschen, die das täglich in der Tiefe aufbereiten und zusammen mit mir verantworten. Genau die schreiben die Kapitel: aktive CFOs und Fachexpert:innen aus der Praxis.
Das ist übrigens auch eine Community-Geschichte. Viele Autor:innen kenne ich über LinkedIn und mein Netzwerk, die Finance Leader’s League, vergangene Community-Projkete. Ohne die Sichtbarkeit der letzten Jahre wäre dieses Team so nicht zusammengekommen.
Gibt es Kapitel, die dir besonders am Herzen liegen?
Drei. Fundraising, weil es Equity- und Debt-Sicht in einem Kapitel vereint. Die Startup-Welt feiert VC-Runden, aber für Miet-Modelle wie unseres ist Fremdkapital existenziell. Das habe ich bei Everphone selbst erlebt: Als der erste Großvertrag über 10.000 Geräte kam, war klar: ohne Debt Financing kein Wachstum. Mit Dr. Benjamin Ullrich/YPOG und Dr. Dietmar Helms und Sandra Reinecke/Hogan Lovells Cadwalader haben wir Experten gewonnen, die das Thema klar aufbereitet haben.
Dann People & Culture, weil es der blinde Fleck vieler CFOs ist. Die strategische Steuerung von Menschen und Geld gehört zusammen, wie nicht nur Benjamin Visser darlegt. Dazu kommt alles, was man zum Arbeitsrecht wissen muss, von Dr. Tobias Pusch und Anja Walter. Und Collaboration: ein Kapitel, das andere Finance-Bücher schlicht nicht haben. Finance-Teams scheitern selten an der Fachlichkeit, oft an der Zusammenarbeit. Aylin Schaer hat das Thema für uns mit vielen Beispielen und einem reichen Methodenschatz aufbereitet.
Du sagst gern »1 Startup-Jahr = 7 Konzern-Jahre«. Ist das Buch auch für Konzern-Menschen, die wechseln wollen, oder für Berater, die den Schritt in die operative Verantwortung wagen?
Genau für die auch. Die Lernkurve im Start-up ist steil, weil man alles gleichzeitig verantwortet. Im Konzern gibt es für jedes Thema eine Abteilung, im Start-up gibt es dich. Das Buch ist die Landkarte für diesen Sprung: Es zeigt, welche Themen auf dem Tisch liegen, in welcher Unternehmensphase sie kritisch werden und wo die typischen Fehler passieren. Ich hätte es am Anfang meiner eigenen CFO-Reise gebraucht. Deshalb steht im Vorwort auch die Widmung an die Start-up- und Scale-up-CFOs: Unter engen finanziellen Rahmenbedingungen echten Mehrwert zu stiften, ist eine große Kunst.
Was hast du beim Buchschreiben über Content gelernt, das du auf LinkedIn nicht gelernt hättest?
Geduld. Ein Post ist in einer Stunde draußen, ein Buch braucht anderthalb Jahre und ein Lektorat, das jede These hinterfragt. Das diszipliniert. Und: Peer-Review ist unbequem und genau deshalb wertvoll. Auf LinkedIn korrigiert dich die Kommentarspalte nach der Veröffentlichung. Im Buch passiert das davor. Beides hat seinen Platz, aber die Qualitätsschraube dreht sich beim Buch deutlich enger.
Umgekehrt hat LinkedIn dem Buch geholfen: Ich wusste aus drei Jahren Community-Feedback ziemlich genau, welche Fragen die Zielgruppe echt beschäftigen. Das war Marktforschung, die kein Verlag liefern kann.
Zum Schluss: Was gibst du der Finfluencer-Circle-Community mit — gerade denen, die überlegen, selbst in Richtung Long-form zu gehen?
Erst die Frage klären: Welches Thema verdient die Tiefe? Long-form lohnt sich, wenn dein Publikum ein Problem hat, das sich in 1.300 Zeichen nicht lösen lässt. Und dann: Better done than perfect gilt auch hier. Mein Buch ist als Herausgeberinnen-Projekt entstanden, weil ich es allein nie geschafft hätte. Sich Verstärkung zu holen gehört schlicht zum guten Projektmanagement.
Meine Frage an euch: Welches Finance-Thema hättet ihr gern mal in der Tiefe statt im Feed?
Dr. Veronika von Heise-Rotenburg ist CFO bei Everphone und Herausgeberin von »Finanzmanagement in Start-ups und Scale-ups – CFO-Know-how von Accounting bis Treasury« (Schäffer-Poeschel, 2026). Sie wurde 2026 beim World Finance Forum als CFO of the Year (SME) ausgezeichnet und von GenCFO als “Finance Leaders International SME”.
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